Was bleibt unter dem Strich?
Predigt über Lukas 18,9-14
Gehalten am 16.08.2026 in Dörnach und Pliezhausen
Es gibt Augenblicke, in denen das Leben still wird.
Vielleicht am Abend, wenn die Wohnung langsam zur Ruhe kommt. Wenn das Telefon schweigt und niemand mehr etwas von uns will.
Oder auf einer Bank während eines Spaziergangs. Wir schauen in die Ferne, ohne eigentlich etwas Bestimmtes anzusehen. Die Gedanken beginnen zu wandern – und plötzlich steht nicht mehr der nächste Termin im Mittelpunkt, sondern der vergangene Tag. Oder das vergangene Jahr. Manchmal sogar das ganze bisherige Leben.
Dann geschieht etwas Merkwürdiges.
Wir beginnen, Bilanz zu ziehen.
Nicht mit Taschenrechner und Tabellen.
Sondern ganz leise.
Da taucht das Gespräch wieder auf, das unglücklich verlaufen ist.
Das Wort, das wir lieber nicht gesagt hätten.
Aber auch die Begegnung, die gutgetan hat.
Der Mensch, dem wir helfen konnten.
Die Freundschaft, die geblieben ist.
Als würden wir Seite für Seite durch ein großes Album blättern und uns fragen:
Was bleibt eigentlich?
Und irgendwann verdichtet sich alles zu einer einzigen Frage:
Reicht es?
Jesus kennt diese Frage.
Darum erzählt er von zwei Menschen, die in den Tempel gehen.
Beide bringen ihr Leben mit.
Beide suchen Gott.
Beide treten mit ihrer ganz persönlichen Lebensbilanz vor ihn.
Hören wir auf unseren Predigttext aus Lukas 18,9-14
Die Geschichte ist schnell erzählt. Und gerade deshalb hören wir leicht über das hinweg, was sie so überraschend macht.
Zwei Menschen gehen zum Beten.
Der eine ist Pharisäer.
Heute hat dieses Wort einen schlechten Klang.
Doch wir würden Jesu Geschichte missverstehen, wenn wir ihn von Anfang an zum Bösewicht machten.
Für die Menschen seiner Zeit war er ein Vorbild. Einer, der seinen Glauben ernst nahm, regelmäßig fastete, den Zehnten gab und sich bemühte, nach Gottes Geboten zu leben.
Nichts spricht dafür, dass er ein Heuchler wäre.
Der andere ist Zöllner.
Er arbeitet für die römische Besatzungsmacht.
Sein Beruf macht ihn wohlhabend, aber er kostet ihn das Vertrauen seiner Mitmenschen.
Vielleicht achtet niemand auf ihn.
Vielleicht ist man sogar froh, wenn er Abstand hält.
Nun stehen beide vor Gott.
Beide beten.
Der Pharisäer beginnt mit einem Satz, den wir gut nachvollziehen können:
„Ich danke dir, Gott …“
Doch während er weiterbetet, verschiebt sich sein Blick.
Am Anfang steht noch Gott.
Satz für Satz aber rückt ein anderer in die Mitte.
Ich faste.
Ich gebe den Zehnten.
Ich bin nicht wie die anderen.
Es ist, als würde er vor Gott einen Ordner aufschlagen.
Seite für Seite blättert er durch sein Leben.
Gute Entscheidungen.
Gelebte Frömmigkeit.
Moralische Standfestigkeit.
Jesus sagt nicht, dass diese Bilanz falsch wäre. Im Gegenteil.
Seine Bilanz stimmt.
Aber sie ist zum Fundament seines Vertrauens geworden.
Und dann fällt der Satz, an dem alles kippt:
„Ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser Zöllner.“
In diesem Augenblick wird der andere Mensch zum Maßstab der eigenen Frömmigkeit.
Der Zöllner dagegen sagt fast nichts.
Er bleibt in der Ferne.
Er hebt den Blick nicht zum Himmel.
Keine Bilanz.
Keine Rechtfertigung.
Keine Erklärung.
Nur einen Satz:
„Gott, sei mir Sünder gnädig.“
Der Zöllner nennt sich im Originaltext sogar „der Sünder“.
Er sieht sich nicht als einer unter vielen, sondern steht mit seiner Schuld ganz persönlich vor Gott.
Und gerade so – ohne Beschönigung – vertraut er auf Gottes Gnade.
Jetzt liegt die eigentliche Frage der Geschichte offen:
Worauf gründet ein Mensch seinen Wert?
Jesus vergleicht die beiden Männer nicht miteinander.
Er sagt nicht, der Zöllner sei der bessere Mensch.
Er schmälert auch seine Schuld nicht.
Der Unterschied liegt tiefer.
Der Pharisäer vertraut darauf, was er aus seinem Leben gemacht hat.
Der Zöllner vertraut darauf, was Gott aus seinem Leben machen kann.
Er kommt mit leeren Händen.
Er hört auf, sich selbst zu rechtfertigen.
Er überlässt das Gott.
Und Jesus sagt:
Diese Hoffnung trägt.
Darum schreibt Paulus später (Eph 2,8-9):
„Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“
Das bedeutet nicht, dass gute Werke unwichtig wären.
Der Pharisäer fastet, betet und gibt den Zehnten. Jesus macht sich darüber nicht lustig.
Aber gute Werke sind die Frucht der Liebe Gottes.
Sie sind niemals ihre Voraussetzung.
Gerade weil Gott uns ohne Vorbedingungen annimmt, bleiben gute Werke nicht belanglos.
Sie sind Ausdruck dieser Gnade in unserem Alltag – ein Echo der Liebe Gottes in unserem Leben.
Aber sie bleiben Echo, nicht Ursprung.
Wir tun das Gute nicht, um Gott zu gefallen, sondern weil Gott uns bereits zugewandt ist.
Das verändert alles.
Denn wenn mein Wert vor Gott nicht von meiner Bilanz abhängt, muss ich mich auch nicht ständig mit anderen vergleichen.
Dann darf ich ehrlich werden – vor Gott, vor anderen und vor mir selbst.
Und vielleicht verändert das auch unseren Blick aufeinander:
Wenn ich weiß, dass ich von Gnade lebe, muss ich andere nicht an ihrer Bilanz messen.
Ich muss niemanden auf seine Fehler festnageln, weil ich selbst aus Vergebung lebe.
Ich muss nicht klein von mir denken.
Ich muss den eigenen Wert nicht länger aus meiner eigenen Bilanz abzuleiten, sondern aus Gottes Blick.
Ich denke, das ist die Demut und Gnade, die heute am 11. Sonntag nach Trinitatis im Mittelpunkt steht.
Am Ende beendet Jesus seine Geschichte mit einem schlichten Satz:
„Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus.“
Der Zöllner geht einfach nach Hause.
Seine Vergangenheit ist nicht verschwunden. Menschen werden ihm vielleicht weiter misstrauen. Manche Wunden lassen sich nicht ungeschehen machen.
Aber eines hat sich verändert.
Er muss sein Leben nicht länger vor Gott rechtfertigen.
Vielleicht ist das die größte Freiheit des Glaubens.
Vielleicht werden wir eines Tages selbst auf unser Leben zurückschauen.
Auf die hellen Tage und die dunklen.
Auf die Zeiten, in denen vieles gelungen ist,
und auf die Momente, in denen wir Menschen verletzt, Beziehungen verloren oder Chancen verspielt haben.
Und vielleicht werden wir noch einmal fragen:
Was zählt wirklich vor Gott?
Ich stelle mir vor, dass Gott uns dann diese Bilanz behutsam aus der Hand nimmt.
Nicht weil unser Leben unwichtig wäre.
Über deinem Leben steht nicht zuerst das Urteil anderer.
Nicht einmal dein eigenes.
Über deinem Leben steht Gottes Zusage:
Du bist mein geliebtes Kind.
Aus dieser Zusage dürfen wir leben.
Du darfst ehrlich sein über deine Schuld, ohne zu zerbrechen,
Gutes tun, ohne dich darauf etwas einzubilden,
und loslassen, was du nicht mehr ändern kannst.
So geht der Zöllner nach Hause –
nicht mit einem perfekten Leben,
sondern mit einem geschenkten Frieden.
Und dieser Weg steht auch dir offen.
Heute.
Amen.
