Kann Gottes Rettung auch denen gelten, die an ihrem Schicksal selbst Anteil haben?
Predigt zu Lukas 19,1–10 – 16. Sonntag nach Trinitatis in Pfrondorf
Es gibt Sätze, die sind schnell gesprochen.
„Selber schuld.“
Manchmal stimmt dieser Satz sogar.
Hier wurde eine falsche Entscheidung getroffen.
Dort wurde eine Beziehungen zerstört.
Jemand hat seine Arbeit über alles gestellt.
Andere wurden verletzt.
Er hat nur an sich gedacht.
Irgendwann steht er allein da.
Und die Menschen um ihn herum sagen:
„Was erwartest du? Das hast du dir selbst eingebrockt.“
Wir unterscheiden sehr genau.
Es gibt Menschen, die unverschuldet leiden.
Ein schweres Schicksal hat sie getroffen. Krankheit. Arbeitslosigkeit. Ein Unfall.
Ihnen gilt unser Mitgefühl.
Und dann gibt es Menschen, die für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind.
Da fällt uns Mitgefühl schwerer.
Vielleicht sogar zu Recht.
Schließlich hat jeder Verantwortung für sein Leben.
Genau hier stellt uns das Evangelium heute eine unbequeme Frage:
„Kann Gottes Rettung auch denen gelten, die an ihrem Schicksal selbst Anteil haben?“
Lukas beantwortet diese Frage nicht theoretisch. Er erzählt zwei Geschichten.
Direkt vor unserem Predigttext begegnet Jesus einem blinden Bettler vor den Toren Jerichos.
Ein Mann, der nichts besitzt.
Einer, der auf Hilfe angewiesen ist.
Die Leute wollen ihn zum Schweigen bringen.
Er stört.
Jesus aber bleibt stehen.
Er hört ihn.
Er heilt ihn.
Kaum ist diese Geschichte zu Ende, beginnt die nächste.
Jetzt begegnet Jesus keinem Bettler mehr.
Jetzt begegnet er einem reichen Mann.
Er ist weder arm noch hilflos.
Er ist auch nicht machtlos.
Zachäus ist Oberzöllner.
Einer der einflussreichsten Männer der Stadt.
Er verwaltet die Steuern für die römische Besatzungsmacht.
Er verdient prächtig daran.
Auf Kosten seiner Landsleute.
Niemand muss ihm erklären, warum ihn die Menschen verachten.
Er weiß es selbst.
Lukas beginnt seine Geschichte mit einer Sehnsucht.
„Er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus sei.“
Ein Satz, der leicht überlesen wird.
Denn eigentlich hat Zachäus schon alles.
Geld.
Einfluss.
Macht.
Offenbar fehlt ihm trotzdem etwas oder ist es schlicht Neugier?
Vielleicht kennt auch sie solche Menschen.
Menschen, die beruflich erfolgreich sind und doch merken, dass Erfolg keine Gemeinschaft ersetzt.
Menschen, die vieles erreicht haben und irgendwann feststellen, dass man sich Respekt kaufen kann – Vertrauen aber nicht.
Menschen, die auf ihrem Weg Entscheidungen getroffen haben, die sie von anderen entfernt haben.
Nicht immer spektakulär.
Manchmal Schritt für Schritt.
Bis sie plötzlich merken: Ich stehe allein.
So steht Zachäus am Straßenrand.
Nicht weil er arm wäre.
Sondern weil ihn niemand bei sich haben will.
Es ist bemerkenswert, wie Lukas den Gegensatz zeichnet.
Der blinde Bettler konnte Jesus nicht sehen, weil seine Augen blind waren.
Zachäus kann Jesus nicht sehen, weil die Menschen vor ihm stehen.
Auch das ist Blindheit.
Nicht körperlich.
Sondern sozial.
Die Menge versperrt ihm den Blick.
Also läuft er voraus und klettert auf einen Maulbeerfeigenbaum.
Ein merkwürdiges Bild.
Der mächtige Oberzöllner sitzt wie ein kleiner Junge auf einem Ast.
Vielleicht ist das der erste Moment seit langer Zeit, in dem ihm gleichgültig wird, was andere über ihn denken.
Und dann geschieht das Entscheidende.
Jesus bleibt stehen.
Nicht Zachäus spricht Jesus an.
Nicht Zachäus bittet um Hilfe.
Nicht Zachäus legt ein Schuldbekenntnis ab.
Jesus schaut nach oben.
„Zachäus, steig schnell herunter. Heute muss ich in deinem Haus einkehren.“
Dieses kleine Wort „muss“ ist im Lukasevangelium nie Zufall.
Es bezeichnet Gottes Weg.
Nicht Zachäus hat Jesus gefunden.
Jesus hat Zachäus gesucht.
Das ist das Evangelium.
Gottes Liebe beginnt nicht dort, wo ein Mensch sein Leben endlich in Ordnung gebracht hat.
Sie beginnt dort, wo Gott einen Menschen ansieht.
Mit seinem Namen anspricht.
Und ihm Gemeinschaft schenkt.
Darüber ärgern sich sofort die Umstehenden.
„Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“
Sie haben Zachäus längst eingeordnet.
Schuldig.
Abgehakt.
Selber schuld.
Doch Jesus sieht mehr.
Er sieht nicht nur den Zöllner.
Er sieht den verlorenen Menschen.
Das ist ein großer Unterschied.
Denn verloren sein ist mehr als schuldig sein.
Verloren sein bedeutet: den Weg zurück nicht mehr finden.
Genau deshalb sagt Jesus am Ende:
„Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“
Nicht die Erfolgreichen.
Nicht die Moralischen.Nicht einmal nur die Leidenden.
Die Verlorenen.
Dazu gehört der Bettler.
Und dazu gehört Zachäus.
Die Rettung Jesu kennt keine Schubladen.
Sie gilt Menschen, die unter ihrem Schicksal leiden.
Und sie gilt Menschen, die durch ihre eigenen Entscheidungen in die Isolation geraten sind.
Vielleicht ist das gerade die befreiende Botschaft dieses Sonntags.
Denn wenn wir ehrlich sind, tragen wohl die meisten von uns beides in sich.
Es gibt Verletzungen, die uns widerfahren sind.
Und es gibt Verletzungen, die wir selbst verursacht haben.
Es gibt Türen, die vor uns zugeschlagen wurden.
Und es gibt Türen, die wir selbst hinter uns geschlossen haben.
Darum ist Zachäus uns näher, als wir zunächst denken.
Auch wir kennen Entscheidungen, die wir heute anders treffen würden.
Auch wir kennen Worte, die wir lieber nicht gesagt hätten.
Versäumnisse.
Egoismus.
Bequemlichkeit.
Manches davon lässt sich nicht einfach rückgängig machen.
Und doch hört Gottes Geschichte mit uns dort nicht auf.
Denn Jesus wartet nicht darauf, dass Zachäus zuerst ein besserer Mensch wird.
Die Reihenfolge ist genau andersherum.
Zuerst kommt die Einladung.
Dann verändert sich das Leben.
Erst nachdem Jesus bei ihm eingekehrt ist, steht Zachäus auf.
Er gibt die Hälfte seines Vermögens den Armen.
Zu Unrecht Erpresstes ersetzt er vierfach.
Das ist keine Eintrittskarte in Gottes Reich.
Es ist die Frucht einer Begegnung.
Wer von Christus gefunden wird, beginnt anders zu leben.
Nicht aus Angst.Sondern aus Dankbarkeit.
Und vielleicht liegt genau darin der Bezug zum heutigen Sonntag.
Dankbarkeit entsteht oft nicht im Augenblick.
Sondern im Rückblick.
Vielleicht hat Zachäus an diesem Morgen nur gedacht: Ich möchte diesen Jesus einmal sehen.
Am Abend seines Lebens hätte er wahrscheinlich gesagt:
Damals dachte ich, ich suche Jesus.
In Wirklichkeit hatte Jesus längst mich gesucht.
Vielleicht entdecken auch wir manches erst im Rückblick.
Eine Begegnung.
Ein Mensch.
Ein Wort.
Ein Gottesdienst.
Eine Krise.
Damals erschien alles zufällig.
Heute erkennen wir: Gott war längst da.
Er hat uns nicht aufgegeben.
Nicht als wir erfolgreich waren.
Nicht als wir gescheitert sind.
Nicht einmal dort, wo wir selbst Schuld auf uns geladen haben.
Darum können wir heute danken.
Nicht weil unser Leben fehlerlos wäre.
Sondern weil Christus nicht aufgehört hat, Verlorene zu suchen.
Denn seine Rettung gilt Menschen am Rand – auch denen, die sich durch ihre eigenen Entscheidungen von Gott und von anderen entfernt haben.
Und wo Christus einkehrt, da beginnt Neues.
Heute.
Amen.
