Nicht das letzte Wort
Predigt zu Römer 7,14–25a am 22. Sonntag nach Trinitatis – 1. November 2026 in Pfrondorf
Stellen wir uns einen Abend vor, an dem es schon spät geworden ist.
Auf dem Esstisch liegt eine Mappe mit Unterlagen, die längst hätten sortiert sein sollen.
Am nächsten Tag steht ein wichtiges Gespräch an.
Seit einer Woche will der Mann sich vorbereiten.
Doch statt die erste Seite aufzuschlagen, greift er noch einmal zum Handy.
Nur fünf Minuten, sagt er sich.
Als er wieder auf die Uhr schaut, ist fast eine Stunde vergangen.
Er legt das Handy weg und ärgert sich.
Nicht nur über die verlorene Zeit.
Über sich selbst.
Er kennt dieses Spiel.
Morgen wird er wieder unter Druck geraten.
Und schon jetzt ahnt er, wie es beim nächsten Mal laufen wird.
Eine kleine, alltägliche Szene. Niemand geht daran zugrunde, dass eine Mappe liegen bleibt. Aber manchmal berührt gerade so ein Augenblick etwas, das viel tiefer reicht: die Erfahrung, dass wir uns selbst nicht so gut im Griff haben, wie wir meinen. Wir wissen, was vernünftig wäre, kennen die Folgen, sind fest entschlossen. Und handeln doch anders.
Das neue Jahr sollte anders werden. Mehr Bewegung, gesünder essen, vielleicht zehn Kilo abnehmen. Die Sportschuhe stehen bereit. Doch die alten Gewohnheiten bleiben. Irgendwann ist nicht mehr nur der Plan gescheitert. Der Mensch beginnt, sich selbst als gescheitert zu betrachten. Im Spiegel sieht er nicht mehr einen Körper, der ihn durchs Leben trägt, sondern etwas, das seinen eigenen Ansprüchen nicht genügt.
Dabei muss niemand zehn Kilo abnehmen, um ein wertvoller Mensch zu sein. Nicht das Stück Kuchen ist das Problem, sondern die Anklage, die daraus wird. Wieder nicht geschafft. Wieder zu schwach. Was stimmt eigentlich nicht mit mir?
Solche Sätze können sich festsetzen. Manchmal übertönen sie alles andere. Und es geht nicht nur um harmlose Gewohnheiten. Wer unter einer Abhängigkeit leidet, weiß unter Umständen sehr genau, was Alkohol oder eine andere Sucht mit seinem Leben anrichtet, und greift dennoch wieder danach. Abhängigkeit ist eine Erkrankung, kein schlechter Charakter; sie braucht oft professionelle Hilfe. Doch daran wird der Riss zwischen Wollen und Handeln schmerzhaft sichtbar.
Was ist das für ein Mensch, der das Gute sieht und es doch nicht zustande bringt? Der seine eigenen Versprechen bricht und sich selbst fremd wird?
Einer hat diese Fragen mit einer schonungslosen Offenheit ausgesprochen. Der Apostel Paulus. Er klingt, als kämpfe er um jeden Satz. Hören wir den Predigttext aus dem siebten Kapitel des Römerbriefes, die Verse 14 bis 25a.
Liebe Gemeinde,
manche biblischen Texte lassen uns in eine ferne längst vergangene Welt blicken.
Dieser führt uns erschreckend nah an uns selbst heran.
Immer wieder spricht Paulus vom Ich:
Ich will.
Ich weiß.
Ich tue.
Ich tue nicht.
Die Sätze drehen sich im Kreis.
Ein Mensch sieht sich beim Scheitern zu, ohne eingreifen zu können.
Paulus redet nicht davon, dass ihm gute Absichten fehlen. Im Gegenteil:
Er freut sich an Gottes Gesetz.
Er erkennt das Gute und möchte danach leben.
Aber die Erkenntnis macht ihn nicht frei.
Zwischen dem, was er als richtig erkennt,
und dem, was er tatsächlich tut,
öffnet sich ein Abgrund.
Paulus nennt die Macht, die ihn darin gefangen hält, Sünde.
Das ist mehr als der Name für einen einzelnen Fehler.
Es ist auch keine bequeme Ausrede: „Ich konnte ja nicht anders.“
Er nimmt sein Handeln ernst,
weiß aber, dass er sich aus seinen Verstrickungen nicht einfach selbst herauszieht.
Die Sünde greift nach dem, was gut sein sollte, und verdreht es.
Selbst Gottes gutes Gebot kann sie missbrauchen und gegen den Menschen wenden.
Wenn Paulus dabei vom Fleisch spricht, verachtet er nicht unseren Körper.
Er meint den Menschen, soweit er dieser Macht ausgeliefert ist.
Der Kampf spielt sich nicht zwischen einem guten Geist und einem schlechten Körper ab, sondern mitten in unserem Leben.
Wir müssen deshalb genau unterscheiden.
Die eigenen Wünsche nach einem schlankeren Körper, nach beruflichem Erfolg oder ununterbrochener Leistungsfähigkeit sind nicht dasselbe wie Gottes Gesetz.
Manche dieser Maßstäbe sind selbst fragwürdig.
Doch solche Forderungen können sich gegen den Menschen selbst richten.
Er soll immer diszipliniert, belastbar, freundlich, erfolgreich sein.
Wo er hinter dem Bild zurückbleibt, sieht er nur noch den Mangel.
Sigmund Freud hat viel später davon gesprochen, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei.
Wir sind nicht so souverän, wie wir gern glauben. Gewohnheiten, Ängste und unbewusste Wünsche beeinflussen uns.
Freud und Paulus erklären das unterschiedlich, aber beide bestreiten, dass ein guter Entschluss schon Freiheit schafft.
Und nun liegt eine gefährliche Folgerung nahe:
Wenn ich ohnehin immer wieder scheitere, warum sollte ich noch etwas versuchen?
Oder die andere:
Dann muss ich eben noch strenger mit mir werden.
Noch ein Plan.
Noch mehr Kontrolle.
Noch weniger Nachsicht.
Nur ein letzter Anlauf, und dann werde ich endlich der Mensch sein, der ich sein sollte.
Beide Wege führen in dieselbe Enge.
Der eine gibt die Hoffnung auf.
Der andere bindet das Leben an das eigene Gelingen. Denn selbst wenn ein Vorhaben gelingt, wartet schon das nächste.
Und wenn es misslingt, steht wieder das alte Urteil im Raum: Du genügst nicht.
Auch Paulus gelangt an einen Punkt, an dem die eigene Anstrengung keine Antwort mehr bietet.
Doch dann verändert sich etwas Entscheidendes.
Er fragt nicht mehr nur, was er anders machen könnte. Er fragt, wer ihn erlösen wird.
Nicht welche Regel, welches Programm oder welche Kraft in ihm selbst.
Wer wird mich herausholen aus dem, worin ich gefangen bin?
Und die Antwort kommt überraschend kurz.
Kein ausführlicher Ratgeber.
Keine Anleitung in sieben Schritten.
Paulus dankt Gott durch Jesus Christus.
Nach all dem Kreisen um das Ich tritt ein anderer in den Mittelpunkt.
Darin liegt die Wendung.
Erlösung beginnt für Paulus nicht damit, dass ich endlich über mich selbst siege.
Sie beginnt damit, dass Gott mich nicht meinem Versagen überlässt.
In Jesus Christus kommt er dem Menschen entgegen. Jesus sucht nicht nur die Starken und Gefestigten.
Er wendet sich denen zu, die schuldig geworden sind und keinen Weg mehr sehen.
Er spricht ihre Schuld nicht schön.
Aber er erklärt sie auch nicht zu ihrer ganzen Wahrheit.
Am Kreuz geht er hinein in die zerstörerische Macht der Sünde;
in seiner Auferweckung eröffnet Gott eine Zukunft, die wir nicht selbst herstellen können.
Die schlechten Gewohnheiten verschwinden deshalb nicht.
Wer ein Gespräch verschoben hat, muss es noch immer führen.
Wer einen Menschen verletzt hat, soll um Verzeihung bitten und, soweit möglich, wiedergutmachen.
Wer von einer Sucht abhängig ist, braucht vielleicht Behandlung und Menschen, die den Weg mitgehen.
Der Glaube macht diese Schritte nicht überflüssig.
Aber er verändert den Boden, auf dem wir sie gehen.
Denn ich muss nicht erst ein fehlerfreier Mensch werden, damit Gott sich mir zuwendet.
Ich darf erkennen, was schiefgelaufen ist, ohne daran zu zerbrechen.
Ich darf um Hilfe bitten, ohne mich dafür zu verachten. Ich darf neu anfangen, obwohl ich weiß, dass ich wieder scheitern kann.
Gottes Gnade ist kein freundliches Wort, das die Wahrheit verdeckt.
Sie macht es überhaupt erst möglich, der Wahrheit standzuhalten.
Hier liegt der Unterschied zwischen einem Leben, das sich unablässig selbst beurteilen muss, und einem Leben im Vertrauen auf Christus.
Im ersten ist jeder Tag eine Prüfung, bei der wir bestehen oder durchfallen.
Im zweiten bleiben unsere Taten wichtig, aber sie entscheiden nicht darüber, ob wir angenommen sind.
Wir sind mehr als unsere Erfolge.
Und wir sind mehr als unsere Niederlagen.
Unser Leben liegt nicht allein in unserer Hand.
Kehren wir noch einmal an den Esstisch zurück.
Die Mappe liegt immer noch da.
Das Handy auch.
Der verlorene Abend lässt sich nicht zurückholen.
Er kann sich weiter beschimpfen und seine letzte Kraft verlieren.
Er kann aber auch zugeben, was geschehen ist, das Handy zur Seite legen und eine erste Seite aufschlagen. Vielleicht reichen heute zwanzig Minuten.
Kein glänzender Sieg über sich selbst.
Nur ein kleiner Anfang, ohne das große Urteil, er sei ein hoffnungsloser Fall.
Nicht jeder Anfang gelingt.
Nicht jedes Scheitern lässt sich reparieren.
Manche Schuld und manche Krankheit begleiten uns lange.
Paulus bietet keine einfache Technik, mit der wir darüber hinwegkommen.
Er weist uns auf Christus, dessen Treue weiterreicht als unsere Fähigkeit, uns selbst zu ändern.
Darum müssen wir am Ende nicht behaupten, dass alles gut sei.
Wir dürfen sagen, dass Gott uns auch dort nicht fallen lässt, wo wir selbst nicht weiterwissen.
Wir dürfen uns ihm anvertrauen mit dem, was gelungen ist,
und mit dem, was wir wieder nicht geschafft haben.
Und wir dürfen morgen erneut versuchen, das Gute zu tun – nicht um uns Gottes Liebe zu verdienen, sondern weil sie uns schon gilt.
und wenn wir morgen wieder vor unserem Scheitern stehen, dürfen wir die Frage des Paulus wiederholen:
‚Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?‘
Und im Licht des Evangeliums können wir antworten:
‚Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.‘
Amen.
