Musiker-Trompete

Nicht dieselbe Stimme – und doch gemeinsam

Predigt über Jeremia 29,1.4-14 bei der Musiker-Kirbe in Dettenhausen

Liebe Gemeinde,
liebe Musikerinnen und Musiker,
liebe Gäste der Musiker-Kirbe.

wenn heute Morgen hier in der Halle Menschen aus verschiedenen Orten zusammenkommen, wirkt das zunächst ganz selbstverständlich.

Instrumentenkoffer werden abgestellt. Menschen begrüßen einander. Später spielen hier Musikerinnen und Musiker aus Feldhausen-Harthausen und aus Magstadt – Menschen aus verschiedenen Orten und mit unterschiedlichen Geschichten.

Und dann geschieht etwas Bemerkenswertes.

Da sitzen Menschen nebeneinander, die nicht dieselbe Stimme spielen.

Die Trompete hat andere Noten als die Tuba. Die Klarinette setzt ein, während ein anderes Instrument schweigt. Manche spielen die Melodie, andere tragen den Rhythmus, wieder andere bilden den Grund, auf dem alles ruht.

Niemand käme auf die Idee zu sagen:
Eine gute Kapelle ist eine, in dem alle dasselbe spielen.

Es wäre vermutlich ziemlich laut.
Aber Musik wäre es kaum.

Musik entsteht gerade dadurch, dass die Stimmen verschieden bleiben und dennoch aufeinander hören.

Vielleicht ist das ein gutes Bild für die Frage, die uns heute beschäftigen soll:

Wie können wir miteinander leben, wenn wir verschieden sind – oder einander sogar fremd geworden sind?

Denn außerhalb dieser Halle erleben wir oft etwas anderes.

Menschen leben im selben Ort, engagieren sich in denselben Vereinen, arbeiten miteinander – und verstehen sich trotzdem immer weniger.

Politische Diskussionen werden schärfer. In Familien gibt es Themen, über die lieber nicht mehr gesprochen wird. Ein einziger Satz kann plötzlich zwischen zwei Menschen stehen.

Sie kennen sich seit Jahrzehnten – und einer denkt:
Wie kannst du so etwas sagen?

Oder einfach:
Ich verstehe dich nicht mehr.

Aus Verschiedenheit wird Abstand.
Und aus Abstand wird Fremdheit.

Die Bibel erzählt von Menschen, für die Fremdheit noch viel radikaler war.

Der Prophet Jeremia schreibt einen Brief an Menschen aus Jerusalem, die nach Babylon verschleppt worden sind.

Wir hören auf unseren Predigttext aus Jeremia 29,1.4–14

Sie leben nicht freiwillig dort.
Sie sind Opfer eines Krieges.
Ihre Heimat liegt weit entfernt.
Ihre Häuser, ihre Straßen, der Tempel in Jerusalem – all das ist Erinnerung geworden.

Sie leben mitten unter den Menschen der Siegermacht – und viele hoffen:

Bald ist es vorbei.
Bald können wir zurück.
Dann beginnt das eigentliche Leben wieder.

Doch Jeremia schreibt ihnen etwas, das sie kaum hören wollen.

Richtet euch darauf ein, dass ihr lange dort leben werdet.

Baut Häuser.
Pflanzt Gärten.
Gründet Familien.
Lebt.

Nicht irgendwann.
Jetzt.

Und dann schreibt er einen Satz, der bis heute provoziert:

„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“

Das muss schwer zu ertragen gewesen sein.

Das Beste für Babylon suchen?
Für die Stadt, die sie unterworfen haben?
Für die Gesellschaft, in der sie sich fremd fühlen?

Jeremia sagt nicht:
Vergesst, was geschehen ist.

Er sagt auch nicht:
Passt euch einfach an und schweigt.

Er sagt:
Auch hier ist euer Leben.

Auch hier könnt ihr Häuser bauen, Gärten pflanzen und Verantwortung übernehmen.

Wartet nicht darauf, dass alle Verhältnisse so geworden sind, wie ihr sie euch wünscht.

Lebt jetzt.
Und sucht das Wohl des Ortes, an dem ihr lebt.

Dieser alte Brief ist erstaunlich gegenwärtig.

Denn auch wir warten gerne darauf, dass zuerst die anderen sich ändern.

Wenn die endlich vernünftig würden …
Wenn die endlich zuhören würden …
Wenn die endlich verstehen würden …

Dann könnten wir wieder miteinander sprechen.

Jeremia dreht diese Logik um.

Er sagt nicht:
Ihr müsst euch erst einig werden.

Er sagt:
Ihr tragt bereits jetzt Verantwortung füreinander.

Wir müssen nicht dieselben Überzeugungen haben, damit ein Ort lebenswert bleibt.

Wir müssen nicht in allen politischen Fragen übereinstimmen, damit Kinder gute Chancen bekommen.

Und wir müssen einen Menschen nicht in allem verstehen, um ihn zu achten.

Vielleicht wissen Musikerinnen und Musiker das ohnehin.

Wenn ein Stück gespielt wird, kann nicht jede Stimme einfach lauter werden, sobald sie sich selbst besonders wichtig nimmt.

Wir müssen hören.

Auf die anderen.
Auf den Takt.
Auf den Einsatz.
Auf die Stellen, an denen die eigene Stimme zurücktreten muss.

Und manchmal muss gerade diese eigene Stimme besonders klar erklingen.

Miteinander heißt nicht, dass Unterschiede verschwinden.

Das gilt auch für unsere Gesellschaft.

Frieden bedeutet nicht, dass niemand mehr widerspricht.

Wo Menschen herabgesetzt werden, ist Widerspruch nötig.
Wo Menschen bedroht werden, brauchen sie Schutz.
Wo Unrecht geschieht, wäre Schweigen kein Frieden.

Aber etwas anderes geschieht gefährlich schnell:

Wir widersprechen nicht mehr nur einer Meinung, sondern schreiben den Menschen dahinter ab.

Dann wird aus:
„Ich halte das für falsch“

irgendwann:
„Mit solchen Leuten kann ich nicht reden.“

Dann leben wir noch im selben Ort.
Aber innerlich sind die Grenzen längst gezogen.

Hier wir.
Dort die anderen.

Jeremias Brief widerspricht genau dieser Versuchung.

„Suchet der Stadt Bestes.“

Das bedeutet:

Das Wohlergehen der anderen geht dich etwas an.

Nicht nur das derer, die so denken wie du.
Nicht nur das der Menschen, die du sympathisch findest.

Wir teilen Straßen, Schulen, Vereine und die Sorge darum, was aus unseren Orten und unserer Gesellschaft wird.

Wenn das gemeinsame Leben beschädigt wird, können wir uns nicht einfach in unsere eigene kleine Welt zurückziehen.

Die Menschen in Babylon sollten Gärten pflanzen.

Ich mag dieses Bild.

Wer einen Baum pflanzt, beschäftigt sich nicht nur mit gestern.

Er rechnet mit morgen.

Vielleicht sitzt später ein anderer in seinem Schatten oder erntet seine Früchte.

Einen Garten pflanzt, wer Zukunft nicht aufgegeben hat.

Und genau hier verändert sich Jeremias Brief noch einmal.

Denn er besteht nicht nur aus einem Auftrag:

Strengt euch an.
Vertragt euch.
Macht das Beste daraus.

Das wäre ziemlich wenig.

Jeremia erzählt vielmehr – und spricht im Auftrag Gottes – von einem Gott, der diesen Menschen zusagt:

„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“

Das ist vielleicht der wichtigste Satz dieses Briefes.

Denn plötzlich liegt die Zukunft nicht mehr nur auf den Schultern dieser Menschen.

Sie müssen sie nicht allein herstellen.

Gott sagt:

Ich habe euch nicht vergessen.

Euer Leben bleibt mir anvertraut.

Es gibt Zukunft.

Darum könnt ihr heute leben.
Darum könnt ihr Häuser bauen.
Darum könnt ihr Gärten pflanzen.
Darum könnt ihr das Wohl der Stadt suchen.

Die Hoffnung kommt zuerst.

Und aus der Hoffnung wächst das Handeln.

Wir brauchen eine Vorstellung davon, dass Zukunft möglich ist – dass unsere Welt nicht nur von Angst, Lautstärke und Grenzen bestimmt sein muss.

Die Bibel sagt es mit einem Satz, der für diesen Sonntag über unserem Gottesdienst steht:

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Damit ist nicht gemeint, dass Glaubende sich über andere stellen.

Gemeint ist: Vertrauen auf Gott hilft, dass wir nicht von der Angst regiert werden, sondern von Hoffnung. Und diese Hoffnung trägt auch dann, wenn Meinungen auseinandergehen.

Denn wo Menschen nur noch erwarten, dass alles schlechter wird, verändert sich etwas.

Dann sichern wir nur noch das Eigene.
Dann wird der andere schnell zum Konkurrenten.
Dann werden Grenzen wichtiger als Beziehungen.

Die Bibel hält dagegen:

Zukunft ist mehr als die Verlängerung unserer gegenwärtigen Angst.

Für Jeremia hat diese Hoffnung einen Namen:

Gott.

Der Gott, der seine Menschen auch in der Fremde nicht loslässt.

Der ihnen nicht verspricht, dass morgen alle Probleme verschwunden sind.

Der ihnen aber sagt:

Ihr seid nicht vergessen.

Darum könnt ihr leben.

Heute.
Hier.

Vielleicht passt dieser Gedanke erstaunlich gut zu einem Morgen wie diesem.

Menschen aus verschiedenen Orten kommen zusammen.

Später werden unterschiedliche Kapellen spielen.
Jede bringt ihren eigenen Klang mit.

Niemand muss seine Herkunft vergessen.
Niemand muss seine eigene Stimme aufgeben.

Und trotzdem entsteht für einige Stunden etwas Gemeinsames.

Ein Fest.
Ein Gottesdienst mitten in der Kirbe.
Eine Halle.
Ein Sonntag.
Musik.
Gespräche an den Tischen.

Vielleicht beginnt Frieden oft genau so klein.

Nicht damit, dass plötzlich alle dieselbe Meinung haben.

Sondern damit, dass Menschen einander nicht aufgeben.

Dass sie zuhören.
Dass sie widersprechen, ohne den anderen abzuschreiben.
Dass sie helfen, obwohl sie nicht in allem übereinstimmen.
Dass sie miteinander an dem Ort leben, der ihnen anvertraut ist.

Vielleicht können wir von diesem Sonntag etwas mitnehmen:

Wir müssen nicht dieselbe Stimme spielen.
Aber wir leben im selben Stück.

Wir können einander übertönen.
Oder
wir können hören, wann unsere Stimme gebraucht wird und wann die des anderen.

Wir können uns voneinander zurückziehen.
Oder
wir können anfangen, den gemeinsamen Ort zu gestalten.

Jeremia würde vielleicht sagen:
Baut Häuser.
Pflanzt Gärten.
Sucht das Wohl der Stadt.

Lebt nicht nur auf eine bessere Zukunft hin.
Lebt jetzt.

Denn Gott hat die Zukunft nicht aufgegeben.
Darum müssen auch wir einander nicht aufgeben.

Amen.

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